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Meditieren statt McKinsey




Plötzlich meditieren alle.


Nicht die, von denen man es erwarten würde. Die CEOs. Die Vorstände. Die Leute, die vor fünf Jahren noch gesagt hätten: Dafür habe ich keine Zeit. Jetzt sitzen sie in Retreats, sprechen auf Podien über Bewusstsein, gründen Clubs für innere Transformation und lassen ihre neuen Standorte energetisch durchchecken, bevor sie den Mietvertrag unterschreiben.


In Wien entsteht gerade ein Bewusstseinsklub für Unternehmer. Beim Drucker Forum in der Hofburg gab es letztes Jahr eine Session über Spiritualität in der Führung. Ein Magazin macht eine Coverstory darüber, wie CEOs die Sinnfrage stellen. Venture-Capital-Investoren lassen sich in Costa Rica von Schamanen begleiten. Ein Deeptech-Unternehmer plant ein „House of Spirits".


Man könnte sagen: Endlich. Endlich wird in der Wirtschaft über etwas gesprochen, das jenseits von Quartalszielen und Restrukturierung liegt. Und da ist etwas dran. Die Tatsache, dass erfahrene, erfolgreiche Menschen öffentlich sagen, dass sie nach etwas suchen, das sich mit den bisherigen Werkzeugen nicht finden lässt — das ist kein Trend. Das passiert, wenn Erfolg nicht mehr reicht. Oder wenn er nicht mehr so leichtfüßig kommt.


Aber ich beobachte das mit einer gewissen Vorsicht.

Nicht weil ich das Thema nicht ernst nehme. Im Gegenteil — es ist mein Thema, seit dreißig Jahren. Sondern weil ich sehe, wie schnell aus einer echten Frage ein neues Programm wird. Wie schnell jemand, der gerade gespürt hat, dass ihm etwas Wesentliches fehlt, sich in die nächste Methode stürzt. Meditation statt McKinsey. Achtsamkeit statt Agilität. Aber die Bewegung ist dieselbe: etwas von außen holen, das innen fehlt.


Ich kenne das. Aus meiner eigenen Geschichte und aus der Arbeit mit Menschen, die genau an diesem Punkt stehen. Der Reflex ist verständlich. Wenn die alten Werkzeuge nicht mehr greifen, sucht man neue. Und der Markt liefert — zuverlässig, schnell, verpackt in die Sprache, die gerade resoniert. Consciousness. Mindfulness. Inner Leadership. Es klingt anders als die Strategieberatung von gestern. Aber die Struktur ist oft dieselbe: Hier ist dein Problem, hier ist die Lösung, hier ist das Seminar.


Das Problem ist nur: Wenn jemand spürt, dass sein Leben oder seine Führung nicht mehr stimmig ist, dann lässt sich das nicht durch eine Methode reparieren — egal ob diese Methode Balanced Scorecard heißt oder Vipassana. Methoden arbeiten auf der Ebene des Tuns. Aber was gerade bricht, liegt tiefer. Es betrifft nicht das, was jemand tut, sondern das, von wo aus er es tut.

Ich erlebe das regelmäßig. Ein Unternehmer, der alles erreicht hat, was er sich vorgenommen hatte, und der jetzt spürt, dass die nächste Entscheidung nicht mehr aus Überzeugung kommt, sondern aus Gewohnheit. Eine Geschäftsführerin, die ihr Unternehmen souverän führt und nachts nicht schlafen kann — nicht vor Sorge, sondern vor Leere. Ein Manager, der auf einem Retreat war, der ihn tief berührt hat — und drei Wochen später wieder im selben Muster steckt.


Was diesen Menschen fehlt, ist nicht die richtige Praxis. Was ihnen fehlt, ist der Kontakt zu der Frage, die unter all dem Funktionieren liegt: Wer bin ich jetzt — jenseits der Rolle, jenseits des Erfolgs, jenseits dessen, was ich vor zwanzig Jahren losgetreten habe?


Das ist keine spirituelle Frage. Das ist eine zutiefst praktische Frage. Weil sich aus ihr alles ableitet — wie jemand entscheidet, wie er führt, was er aufbaut und was er loslässt. Und es ist die Frage, mit der die meisten Menschen zu mir kommen — auch wenn sie anfangs glauben, es ginge um etwas anderes.

Was mir an der aktuellen Welle auffällt, ist nicht das Interesse. Es ist die Geschwindigkeit, mit der daraus wieder ein Markt wird. Jahresgebühren, Gründungsmitgliedschaften, Bewusstseinsklubs mit Warteliste. Die Verpackung wechselt, die Logik bleibt: Zugang kaufen, dazugehören, die richtige Community finden. Aber Klarheit entsteht nicht in einer Community. Sie entsteht in der Auseinandersetzung mit sich selbst. Und die ist meistens leise, unbequem und nicht besonders instagramtauglich.


Jeder Anfang ist gut. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Moment, in dem jemand wirklich innehält — und dem Moment, in dem er das Innehalten zur nächsten Aktivität macht.

Der Unterschied ist einfach zu beschreiben und schwer zu leben. Er liegt nicht in der Methode, sondern in der Richtung. Die eine Bewegung geht nach außen: Was kann ich tun, um klarer zu werden? Welches Seminar, welcher Lehrer, welche Praxis? Die andere geht nach innen: Was passiert, wenn ich für einen Moment aufhöre zu suchen?


Die erste Bewegung ist vertraut. Sie fühlt sich produktiv an. Sie gibt Struktur, Gemeinschaft, das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Die zweite ist ungemütlich. Sie hat kein Programm, keinen Zeitplan, kein Zertifikat am Ende. Aber sie ist der Ort, an dem sich wirklich etwas verändert.


Wer dort ankommt, weiß es. Nicht weil es jemand bestätigt, sondern weil er es spürt.


Das ist weniger aufregend als ein Retreat in Portugal. Aber es hält länger.


Roger Kühne rogerkuehne.com


 


 
 
 

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