Wenn Entscheiden aufhört zu funktionieren
- Roger Kühne
- 9. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen

Er legte drei Mappen auf den Tisch, bevor er sich setzte. Ordentlich beschriftet, farblich sortiert. Zwei Strategieoptionen und eine Marktanalyse. Dann sagte er: „Ich kann mich seit Wochen nicht entscheiden. Und ich weiß nicht, woran es liegt."
Ein Unternehmer Mitte fünfzig, eigenes Unternehmen, über hundert Mitarbeiter. Einer, der sein ganzes Berufsleben lang entschieden hat. Und jetzt sitzt er vor mir mit drei Mappen und kommt nicht weiter.
Ich erlebe das immer wieder: Bei dem Geschäftsführer, der seit Jahren voller Elan die richtige Strategie fährt und sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob sie passt. Die Unternehmerin, die ein gutes Angebot auf dem Tisch hat und sich nicht durchringen kann, es anzunehmen. Der Vorstand, der in jeder Sitzung souverän ist und abends nicht schlafen kann.
Von außen sieht das aus wie Entscheidungsschwäche, aber es ist etwas anderes. Der Mensch hat sich verändert, aber sein Leben, sein Unternehmen, seine Rolle — das alles ist noch das alte. Die Entscheidungen auf dem Tisch passen nicht mehr zu dem, der er geworden ist. Nur weiß er noch nicht, wer das ist.
Der angelernte Reflex in dieser Situation: noch mehr analysieren, noch ein Gespräch, noch eine Meinung einholen. Aber das Problem ist kein Informationsdefizit. Was ihm fehlt, ist nicht noch mehr Wissen — sondern Kontakt zu dem, was ihn jetzt antreibt, was ihn jetzt erfüllt. Nicht das, was ihn vor zwanzig Jahren angetrieben hat.
Innere Klarheit entsteht, wenn jemand aufhört, die richtige Antwort zu suchen, und anfängt, die richtige Frage zuzulassen. Es ist einer der härtesten Schritte, die ein Mensch in Verantwortung gehen kann — weil er bedeutet, für einen Moment nicht zu wissen. Und trotzdem nicht in Aktionismus zu verfallen.
Der Unternehmer mit den drei Mappen brauchte keine vierte. Er brauchte eine Stunde, in der er nichts lösen musste. In der er merken durfte, dass die eigentliche Frage nicht „Welche Option ist besser?" war. Sondern: Wofür stehe ich noch?
Als diese Frage auf dem Tisch lag, statt der Mappen, begann er zu spüren, was für ihn richtig ist. Er wusste wieder, von wo aus er entscheidet — und innerhalb weniger Tage war die Entscheidung glasklar gefallen.
Wenn diese Klarheit da ist, braucht es keine Entscheidungsmatrix. Wenn sie fehlt, hilft auch die beste nicht.
Wer merkt, dass Entscheidungen schwerer werden, hat kein Defizit. Er hat eine Empfindung aus sich selbst. Etwas ist in Bewegung, das größer ist als die nächste Quartalsplanung.
Die Frage ist nur, ob man dem nachgeht — oder die fünfte Mappe auf den Tisch legt.
Roger Kühne



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