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Odysseus – war da noch was?

8. Sept.
2 Min. Lesezeit
Foto: Geoffrey Moffett, Unsplash
Foto: Geoffrey Moffett, Unsplash

Ich war im Kino. Knapp drei Stunden, siebzig Millimeter, ein Bild so groß, dass man darin versinkt.


Aufwendig gemacht, viel Tiefgang hinter der rohen Gewalt. Und am Ende kommt Odysseus zurück als geläuterter, weiser Mann. Zwanzig Jahre Abenteuer und andere Schrecklichkeiten – und heraus kommt ein Besserer.


So habe ich ihn gesehen. Und je länger ich darüber nachdachte, desto weniger war es stimmig für mich.


Bei Homer ist das nämlich nicht so.


Der Odysseus, der in Ithaka ankommt, ist kein besserer Mensch. Er lügt weiter – dem Schweinehirten, seiner eigenen Frau, sogar der Göttin, die ihn längst durchschaut hat und sich darüber amüsiert. Und das Erste, was der geläuterte Weise tut, ist ein Blutbad im eigenen Saal.


Zwanzig Jahre Meer. Kirke, die Unterwelt, sieben Jahre Kalypso. Am Ende steht derselbe listige, misstrauische Mann, der losgezogen war. Er ist nicht besser geworden. Er ist angekommen.


Die Griechen hatten ein Wort dafür: nostos. Heimkehr. Kein Aufstieg, keine nächste Stufe. Ankunft.



Warum erzählt Nolan es dann anders? Weil unsere Zeit Läuterungsgeschichten braucht.


Die Vorstellung, dass Leiden veredelt. Dass man erst genug Prüfungen bestehen muss, bevor man jemand sein darf. Erst tun, dann haben, dann endlich sein – dieselbe Rechnung wie im Quartalsbericht, nur mit Ungeheuern.


Ich erlebe das ständig. Jemand kommt an eine Grenze, im Unternehmen oder im Leben, und der angelernte Reflex ist, sich die nächste Anleitung zu holen. Noch ein Modell, noch ein Programm, noch eine Etappe. Etwas von außen, das innen fehlt.


Nur: Die Menschen, die zu mir kommen, haben die Prüfungen längst hinter sich. Zwanzig Jahre Druck, aufgebaut, verkauft, umgebaut, wieder aufgebaut. Wäre Klarheit das Ergebnis durchlaufener Strapazen, hätten sie sie automatisch. Haben sie aber nicht.


Was fehlt, ist kein weiteres Ziel. Es ist die Frage, was auf dem Weg verloren ging.



250 Millionen Dollar, bis jetzt über 1,6 Milliarden eingespielt. Der ganze Aufwand, den das Kino aufbringen kann, für eine Geschichte über weniger.


Bezeichnend ist, wie Nolan den Film ausklingen lässt. Sein Odysseus stirbt in Penelopes Armen, er hat alle gerächt und die Ordnung wieder hergestellt. Die Reise hat sich gelohnt. Bei Homer stirbt er nicht. Er kommt nach Hause, und das war es.


Zwanzig Jahre Abenteuer machen keinen weisen Mann. Was einen Menschen weiterbringt, ist nicht, was ihm zustößt, sondern ob er sich dabei selbst aus dem Weg geht. Das kann in zwanzig Jahren passieren. Es kann auch an einem einzigen ruhigen Nachmittag passieren, an dem einer aufhört, sich etwas vorzumachen.


Dafür braucht es keinen Aufwand.


Roger Kühne



P.S. Mein Buch ist da. „Vereinfache und vertraue. Führen und leben – aus deinem Sein", erschienen im keen Verlag, Wien. Ab sofort im Buchhandel und online: keenverlag.at

Das E-Book folgt in den nächsten Wochen, die Buchpräsentation ist für Oktober geplant.


 
 
 

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